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Ein Ort am Ende des Weges:
Château La Coste Art Gallery

Ort am Ende des Weges
Von weitem kaum sichtbar leistete sich ein französischer Bauherr eine Galerie der besonderen Art – nahezu unterirdisch und dann doch ausdrucksstark und einprägend. Ein Sichtbetonerlebnis der Sonderklasse, für Fotos und Wein.
FOTOS: STEPHANE ABOUDARAN/WE ARE CONTENT(S), PH. MAURITS VAN DER STAAY

Betritt man das von Renzo Piano Building Workshop (RPBW) errichtete Château La Coste Art Gallery in den gleichnamigen Weinbergen in Frankreich, so wird der Betrachter unweigerlich an Landart-Projekte oder Arbeiten des österreichischen Künstlers Walter Pichler (1936–2012)
erinnert.

Pichler war sowohl ein Visionär als auch ein disziplinärer Grenzgänger, der mit seinen Skulpturen, Installationen und architektonischen Entwürfen schon früh im Kunstkontext gezeigt wurde. RPBW behandelt nun diese Intervention in der Landschaft, den Raum in einer ähnlichen, fast sakral anmutenden Intention.

Beton als Baustoff ist – wenn er richtig verwendet wird – ein sehr nachhaltiges Material.

Ein langer Gang führt, sich allmählich in das Erdreich absenkend, zu einer kleinen, in sechs Meter Tiefe unter der Landschaft liegenden Galerie für Fotografie und Wein. Der Zugang ist wie ein „sich in das Schatzhaus des Atreus bewegen“ oder erinnert daran, wie Walter Pichler die Behausungen für seine „Kinder“, seine Skulpturen, geplant hat. Nichts ist dem Zufall überlassen. Eine Seite bildet eine Sichtbetonwand, dann folgt auf der anderen Seite, die grüne Böschung ablösend, die zweite Betonscheibe.

Beton als Baustoff ist – wenn er richtig verwendet wird – ein sehr nachhaltiges Material. Er kann auch gerade in einer
optisch polarisierenden Verwendung mit anderen Materialien oder Konstruktionen seine Wirkung richtig entfalten. Eine
Metall-Glas-Konstruktion gibt – nach einem leichten Knick in der Wegrichtung – den Zugang in die Galerie frei: puristisch,
kühl, archaisch. Der 168 Quadratmeter große Raum ist von kühlen grauen Betonwänden geprägt, weitet sich trapezförmig nach vorne auf und wird von einer weiteren filigranen Glaswand abgeschlossen. Ein Vorplatz – an den Seiten ebenfalls von Sichtbetonwänden gefasst – dient zur Aufstellung von Skulpturen, daran anschließend ein Wasserbecken, in dem sich der Himmel und der Blick in die Weinberge spiegeln. Im Außenbereich sind alle umliegenden Flächen für den Weinbau genutzt, der Flächenverbrauch ist minimal.

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Filigrane Konstruktion

RPBW ist allerdings einen Schritt über Pichler hinausgegangen: Der Architekt hat nicht – wie Pichler – nur monolithische,
aus Erde, Beton oder Holz errichtete Formen benutzt, sondern bei ihm ist die Decke der Galerie eine moderne, filigrane,
technische Konstruktion. Er spielt mit der Auflösung der Materie, sozusagen sein Tribut an die Zeit. Auch als Gegensatz zur „Schwere“ des Betons ist diese Konstruktion zu verstehen. Auf dünnen Metallbögen spannt sich ein Segel über die Galerie, welches Schutz für das „Darunter“ bietet. Diese Bögen sind ein Echo auf die Strukturen der Weinfelder und ermöglichen die Verankerung der Konstruktion in der Umgebung. Wie ein gelandeter Drache betonen sie die Horizontalität
und Leichtigkeit der Idee. Im Inneren profitieren die Räume und die Kunst vom Naturlicht, welches durch die transluzenten Membranen eindringen kann.

Die beiden verglasten Abschlussfassaden sind ein starker Kontrast zu den Stützmauern und den Wänden aus Sichtbeton
in der insgesamt 285 Quadratmeter großen Galerie. Als ob – der Wegrichtung folgend – der Raum in die Natur und die Weinberge weiterfließen würde. Ganz wie Hans Hollein meinte, der übrigens einige Projekte mit Pichler plante: „Die Gestalt eines Bauwerkes entwickelt sich nicht aus den materiellen Bedingungen eines Zwecks. Ein Bauwerk soll nicht seine Benützungsart zeigen, ist nicht Expression von Struktur und Konstruktion, ist nicht Umhüllung oder Zuflucht.“


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